EIN MENSCH MIT ADHS

musste mehr Aufmerksamkeit ausgeben, als ihm zuteilgeworden ist, genau deshalb hat dieser Mensch ein Aufmerksamkeitsdefizit entwickelt.

Es ist produktiv, sich klar zu machen, dass wir Anfänger sind, wenn wir uns Menschen mit ADHS nähern. Gleichzeitig gibt es vieles herauszufinden, wenn wir uns eingestehen, dass wir eben diese Anfänger sind.

Die Forderung nach Aufmerksamkeit ist, wie alle Forderungen eine Kompensation für ein unbewusstes, emotionales Verlangen.

Mitfühlende Neugier kann uns helfen, die verschlüsselte Sprache der Aufmerksamkeitssuche zu deuten.

Der Schlüssel dazu ist zu lernen, dem Betroffenen nicht die Aufmerksamkeit zu geben, die er verlangt, sondern die, die er braucht.

Bindung fördert die Aufmerksamkeit, Ängste schwächen sie.

FEHLENDE SELBSTREGULIERUNG

ist die grundlegende Beeinträchtigung bei ADHS.

Man kann die Selbstregulierung beschreiben in dem man sagt, dass sie die Fähigkeit ist, die innere Umgebung unabhängig von den äusseren Umständen eines funktionierenden und sicheren Bereichs aufrechterhalten.

Auf emotionaler Ebene bedeutet die Selbstregulierung von Stimmungen, dass weder Verzagtheit noch unkontrollierter Überschwang weder passive Unterwerfung noch blinde Wut den Geist lenken.

Ein Mensch kann frustriert, enttäuscht oder traurig sein, ohne zutiefst verzweifelt zu sein.

Glück muss nicht Euphorie und Ärger nicht in Feindseligkeit bedeuten, Stimmungen werden nicht von den Tücken äusserer Umstände oder Stimmungen anderer gesteuert.

Emotionale Selbstregulierung kann mit einem Thermometer verglichen werden, das sicherstellt, dass die Temperatur trotz extremer äusserer Bedingungen konstant bleibt.

Das innere Gleichgewicht von Menschen mit ADHS, vor allem bei Kindern, wird bei relativ leichten äusseren Veränderungen zu schnell gestört.

Sie reagieren zu häufig automatisch, anstatt zielgerecht zu handeln.

DAS NOTWENDIGE VERSTEHEN.

Es gibt bei ADHS eine ererbte Veranlagung, aber zu sagen, es gäbe eine Vorbestimmung hat wenig damit zu tun. Eine Vorbestimmung gibt vor, das etwas zwangsläufig eintreten wird. Eine Veranlagung macht es lediglich wahrscheinlich, dass etwas abhängig von den Umständen passieren kann.

Das tatsächliche Ergebnis wird von vielen anderen Faktoren beeinflusst.

Die Frage ist, welche Faktoren beeinflussen zusätzlich zu der vererbten Veranlagung die tiefer liegenden physiologischen Funktionsstörungen und die damit zusammenhängenden Verhaltensweisen und somit die psychischen Probleme.

ADHS ist besser zu verstehen, wenn wir das Leben der betroffenen Menschen beleuchten, nicht nur Teile der DNA.

Wir stehen ADHS nicht hilflos gegenüber, sodass auf der persönlichen Ebene der Versuch, die Verantwortung für negative Verhaltensweisen auf Schaltkreise im Gehirn abzuwälzen wenig hilfreich ist.

Die Betroffene, auf alles Seiten sind dann in der Opferrolle gefangen.

WAS IST ZU TUN?

Wenn wir uns dafür entscheiden, ADHS nicht als medizinische Störung oder Krankheit zu begreifen, wird die Frage nach der Kausalität umgedreht.

Es entsteht ein neuer Blickwinkel, es entsteht ein Blickwechsel und somit die Fragen:

Welche Rahmenbedingungen sind für die physiologische und psychologische Reife eines Menschen erforderlich?

Welche Faktoren können diesen Wachstumsprozess hemmen oder behindern?

Anstatt zu fragen, warum eine Störung oder Krankheit entsteht, fragen wir, was die Entwicklung einer umfassend selbstmotivierten und selbstregulierten Persönlichkeit verhindert.

Die Herausforderung der „Rekonvaleszenz“ ist identisch mit der Suche nach der Ursache.

Die Antwort auf Rückstand ist Entwicklung und für Entwicklung sollten entsprechende Bedingungen gegeben sein.

Das Ziel der Natur für menschlichen Wachstum ist letztlich die Reifung eines selbstmotivierten, selbstregulierten und eigenverantwortlichen Erwachsenen.

„Will man das Gehirn, das den menschlichen Geist und das menschliche Verhalten fabriziert, in zufriedenstellender Weise verstehen, sollte man berücksichtigen, in welchem gesellschaftlichen sowie kulturellen Kontext es sich befindet.“

BEI ADHS

sollte die Frage nicht lauten, wie wir die Fähigkeit entwickeln, bestimmte Aspekte der Realität auszublenden, sondern wie diese normale Fähigkeit zu einer Störung wird, die schwer genug ist, um mit dem alltäglichen Ereignissen der Welt in Konflikt zu geraten.

Für einen Menschen mit ADHS ist das Ausblenden eine automatische Gehirnaktivität, die während der Phase der schnellen Gehirnentwicklung im Kleinkindalter als Folge von emotionalen Verletzungen in Kombination mit Hilflosigkeit entstanden sind.

Aufmerksamkeit sowie emotionale Sicherheit sind während der gesamten Kindheit eng miteinander verbunden.

Stabile Sicherheit bedeutet weniger Ängste somit mehr fokussierte Aufmerksamkeit. Der unsichtbare Faktor, der in allen Situationen konstant bleibt, ist die unbewusste Sehnsucht des Kindes nach Bindung, die bis in die ersten Lebensjahre zurückreicht.

Wird dieses Bedürfnis befriedigt, werden die ADHS-Probleme allmählich schwächer werden.

MIR WIRD OFT DIE FRAGE GESTELLT,

ob es einen Weg gibt aus ADHS „herauszuwachsen“?

JA,

ADHS Kinder müssen nicht geheilt werden, wir sollten ihnen dabei helfen zu wachsen. Erforderlich ist hier nicht eine Änderung der Erziehungsmethoden, sondern eine auf einem tiefen Verständnis des Kindes beruhende Änderung der elterlichen Haltung.

Der Erwachsene mit ADHS sollte darüber hinaus ein tiefes Verständnis für sich selbst gewinnen, um die Aufgabe zu erfüllen, die ich als „Selbstbeobachtung“ bezeichne.

Die Herausforderung der „Heilung“ im späteren Leben ist identisch mit der Suche nach der Ursache in der frühen Kindheit.

Welche Bedingungen fördern die Entwicklung? Welche Umstände behindern sie?

Die Verflechtung von Kognition und Emotion – das Verschmelzen dessen, was wir wissen, mit dem, was wir fühlen – ist genau die Verflechtung, die der Heilungsprozess bei ADHS erfordert.

PRINZIPIEN DER BINDUNG:

Die folgenden Prinzipien helfen bei der Wiederherstellung und Festigung der Eltern – Kind – Bindung.

Sie bilden den Anfang einer Umkehr von ADHS – Mustern bei einem Kind.

Diese Prinzipien können die Grundlage für die Arbeit mit jedem Kind sein.

Das langfristige Projekt, eine gesund Entwicklung bei Menschen mit ADHS zu fördern, ist ohne ein konsequentes Bemühen, diese Prinzipien anzuwenden, nahezu hoffnungslos.

Aktiv Verantwortung übernehmen,

lade dein Kind ein, Unterstützung der Selbstakzeptanz des Kindes.

Umwerbe das Kind, wie du jemanden umwerben würdest, mit dem du eine Beziehung eingehen möchtest.

Lobe in Massen,

Leistung sollte nicht erforderlich sein, um Akzeptanz und Respekt zu bekommen.

Menschen brauchen keine Bewertung – sie haben das Bedürfnis nach Akzeptanz.

Werde aktiv,

warte nicht darauf das das Kind nach einem Streit den Kontakt wieder aufnimmt.

Die Bindung sollte stärker sein als jede Meinungsverschiedenheit.

Die Priorität der Bindung sollte an erste Stelle stehen, somit ist das Sicherheitsgefühl sowie die Selbstakzeptanz für das Kindes gesichert.

Keine Urteile,

vermeide, auf Schwächen, Fehler und/oder Versäumnisse hinzuweisen.

Wenn ein Kind ein stärkeres Selbstbild entwickelt, wird es zunehmend offener für Hilfe sowie Korrekturen. Erkennen das es Defizite hat, ist weniger bedrohlich, wenn es das Gefühl hat, dass die Beziehung zu den Bezugspersonen sicher ist.

Keine Wut,

Eltern die Wut empfinden, signalisieren dem Kind eine kurzfristige Unterbrechung der Bindung.

Das erzeugt Schuld.

Es bestärkt die Grundüberzeugung des Kindes, dass es keine Bindung zu irgendjemand verdient hat.

„Kinder können, egal wie alt sie sind, beginnen, an Entwicklungsstufen zu arbeiten, die sie bisher nicht bewältigen konnten. Aber sie sind dazu nur im Kontext einer persönlichen Beziehung zu einem Ihnen zugetanen Erwachsenen in der Lage.

 

KONTROLLE ODER AUTONOMIE?

Der Versuch ein Kind zu motivieren, indem man es den elterlichen Wünschen gemäss überredet oder unter Druck setzt, ist Welten davon entfernt, das Wachstum der natürlichen, selbst generierten Motivation des Kindes zu fördern.

Ersteres wir dem Kind „abverlangt“. Letzteres geschieht im Kind selbst und ist der Prozess, an dem es aktiv beteiligt ist.

Zur Förderung der Entfaltung dieser Entwicklung sollte man sich bewusst machen, dass die Natur ihre positive Agenda für das Kind bereithält. Sie hat dem Kind, jedem Kind, alle Voraussetzungen und Fähigkeiten zur Entfaltung mitgegeben.

Der Versuch, von aussen zu motivieren, offenbart einen Mangel an Vertrauen in das Kind sowie in die Natur. Es spiegelt die Ängste der Eltern wider, nicht die Grenzen des Kindes.

Ein Kind, das stets nur die elterlichen Erwartungen erfüllen soll, wird wahrscheinlich ein chronisches Gefühl der Inkompetenz entwickeln, wenn es ein ums andere Mal daran scheitert diesen Erwartungen gerecht zu werden.

Es mag von aussen betrachtet funktional genug sein, wird aber innerlich einen hohen Preis dafür zu zahlen haben. Es wird nicht in der Lage sein, die Freude und Befriedigung zu erleben, aus eigener, freier Entscheidung heraus zu handeln – und vielleicht seine echten, eigenen Vorlieben nie kennenlernen.

Sein Selbstwertgefühl wird davon abhängig sein, was es tut, und nicht davon wer er ist. Selbst wenn es in den Augen anderer erfolgreich ist, wird es sich selbst unbarmherzig kritisieren.

Menschen müssen das Gefühl haben, dass ihr Verhalten wirklich von ihnen selbst gewählt ist und ihnen nicht von einer externen Quelle aufgezwungen wird.

FAZIT:

Indem die Entscheidungsfreiheit des Kindes gefördert wird, verliehen die Eltern das Vertrauen in seine individuellen Entwicklungsprozesse Ausdruck und vermitteln ihm nicht das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Ausserdem verstärken sie somit nicht die Angst des Kindes, dass es von seinen Eltern nicht so akzeptiert wird, wie es ist.

Es ist erforderlich, dass die Erwachsenenwelt die Gefühle des Kindes, aus denen der Kern des Selbst erwachsen wird, versteht und als gültig anerkennt.

Ein Kind dem beigebracht wird, seine innersten Gefühle sowie Gedanken nicht zu beachten oder ihnen zu misstrauen, geht automatisch davon aus, dass an seinen Gefühlen und damit auch an ihm selbst etwas ist, dessen man sich schämen sollte.

Ein Mensch, der nicht mit seiner inneren geistigen Energiequelle verbunden ist und kein waches Interesse an der Welt hat, muss nach äusseren Quellen suchen – und glaubt, dass die Erfüllung nur in Gestalt des „Anderen“ kommen wird.

Dies ist der implizit erinnerte Zustand des Säuglings, der nach emotionaler Nahrung lechzt und dem die Fähigkeit fehlt, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und hierfür auf die Eltern angewiesen ist.

Die Emotion, die ein Säugling erlebt, wenn er sich von seinen primären Bezugspersonen abgeschnitten fühlt, ist eine tiefe Angst vor dem Verlassen werden.

Die meisten Eltern müssen nicht lernen, wie sie ihre Kinder gefühlsmässig lieben sollen, gleichzeitig können wir alle ein wenig Übung gebrauchen, wenn es darum geht, ihnen Tag für Tag aktiv unsere Liebe zu zeigen.